B-Vitamine in der Tiermedizin – Warum die Vitaminform entscheidend sein kann

Mehr als nur ein Vitamin

B-Vitamine gehören zu den wichtigsten Mikronährstoffen im Organismus von Hund, Katze und Pferd. Sie sind an nahezu allen Stoffwechselprozessen beteiligt und übernehmen zentrale Aufgaben bei der Energiegewinnung, der Funktion des Nervensystems, der Blutbildung, der Zellregeneration sowie der Bildung von Neurotransmittern.

In der Praxis werden B-Vitamine häufig als Sammelbegriff betrachtet. Tatsächlich existieren jedoch viele dieser Vitamine in unterschiedlichen chemischen Formen, die sich hinsichtlich ihrer Aufnahme, Aktivierung und biologischen Wirkung unterscheiden.

Gerade in der funktionellen Tiermedizin und im Bereich der Epigenetik gewinnt daher die Frage zunehmend an Bedeutung:

Nicht nur die Dosierung eines Vitamins ist entscheidend – sondern auch seine Form.

Warum spielen genetische Unterschiede eine Rolle?

Jedes Tier besitzt einen individuellen Stoffwechsel. Genetische Varianten können beeinflussen, wie effizient Enzyme arbeiten und wie gut bestimmte Vitamine aufgenommen oder aktiviert werden.

Diese Unterschiede betreffen unter anderem:

In der funktionellen Medizin wird dabei gelegentlich vereinfacht von Fast Metabolizern und Slow Metabolizern gesprochen. Diese Begriffe sind keine offiziellen Diagnosen, sondern beschreiben funktionelle Unterschiede in der Aktivität einzelner Stoffwechselwege.

Während manche Tiere aktivierte Vitaminformen sehr gut nutzen können, reagieren andere empfindlicher oder profitieren eher von Vorstufen, die der Organismus selbst reguliert aktivieren kann.

Vitamin B1 – Thiamin

Vitamin B1 ist unverzichtbar für den Kohlenhydratstoffwechsel sowie für die Energieversorgung von Gehirn, Nerven und Muskulatur.

Die wichtigsten Formen

Thiaminhydrochlorid

Die klassische und am häufigsten eingesetzte Form.

Benfotiamin

Eine fettlösliche Form mit besonders guter Bioverfügbarkeit. Sie wird vor allem bei neurologischen Erkrankungen und chronischen Stoffwechselbelastungen diskutiert.

Thiaminpyrophosphat (TPP oder TDP)

Die bereits biologisch aktive Form des Vitamins.

Mögliche Einsatzgebiete

Vitamin B5 – Pantothensäure

Vitamin B5 ist Bestandteil des Coenzyms A und damit unverzichtbar für den gesamten Energiestoffwechsel.

Es unterstützt unter anderem

Verfügbare Formen

Pantethin gilt als biologisch besonders interessant, wird jedoch in der Veterinärmedizin bislang deutlich seltener eingesetzt.

Vitamin B6 – Nicht jede Form wirkt gleich

Vitamin B6 gehört zu den wichtigsten Cofaktoren für zahlreiche Enzyme.

Es beeinflusst unter anderem

Die verschiedenen Formen

Pyridoxal-5-Phosphat ist bereits die biologisch aktive Form des Vitamins und muss vom Körper nicht mehr aktiviert werden.

Gerade deshalb wird P5P häufig als besonders hochwertig beworben.

So einfach ist es jedoch nicht.

Wann kann P5P sinnvoll sein?

Bei Tieren mit eingeschränkter Aktivierungskapazität kann die aktive Form Vorteile bieten.

Allerdings ist zu berücksichtigen, dass P5P bereits phosphoryliert vorliegt.

Bei Tieren mit Besonderheiten des Phosphatstoffwechsels oder individuellen Stoffwechselstörungen kann dies theoretisch eine Rolle spielen. Belastbare veterinärmedizinische Studien hierzu fehlen derzeit jedoch, sodass sich entsprechende Überlegungen überwiegend auf biochemische Zusammenhänge und klinische Erfahrungen stützen.

Vitamin B12 – Es gibt nicht nur ein B12

Vitamin B12 gehört zu den komplexesten Vitaminen überhaupt.

Die wichtigsten Formen

Cyanocobalamin

Eine stabile synthetische Form.

Hydroxocobalamin

Wird häufig gut vertragen und kann vom Organismus bedarfsgerecht weiter umgewandelt werden.

Methylcobalamin

Die bereits methylierte aktive Form.

Adenosylcobalamin

Vor allem für die Energiegewinnung in den Mitochondrien von Bedeutung.

Methylierte Vitamine – Nicht immer die beste Wahl

In der funktionellen Medizin werden methylierte Vitamine häufig bevorzugt.

Tatsächlich können sie bei bestimmten genetischen Voraussetzungen sehr sinnvoll sein.

Gleichzeitig gibt es Hinweise aus der Humanmedizin und aus der funktionellen Praxis, dass nicht jedes Individuum zusätzliche Methylgruppen gleichermaßen gut verträgt.

Eine vermehrte Methylierung kann theoretisch Einfluss auf die Bildung verschiedener Neurotransmitter nehmen und dadurch – abhängig vom individuellen Stoffwechsel – unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.

Für Hund, Katze und Pferd existieren hierzu bislang jedoch nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen. Deshalb sollte eine Supplementierung immer individuell erfolgen und nicht nach dem Motto „aktiv ist automatisch besser“.

Epigenetik in der Tiermedizin

Auch in der Veterinärmedizin wächst das Interesse an genetischen Varianten.

Gut bekannt ist beispielsweise der MDR1-Defekt (ABCB1) bestimmter Hütehundrassen, der die Verträglichkeit zahlreicher Medikamente beeinflusst.

Darüber hinaus werden zunehmend genetische Unterschiede in Stoffwechselwegen untersucht, unter anderem im Bereich

Viele dieser Zusammenhänge befinden sich jedoch noch in der wissenschaftlichen Erforschung.

Die Epigenetik eröffnet damit spannende neue Perspektiven für eine individualisierte Ernährungs- und Mikronährstofftherapie bei Tieren.

Praktische Konsequenzen

Bei der Auswahl eines B-Vitamin-Präparates sollten daher nicht nur Dosierung und Hersteller berücksichtigt werden, sondern auch

Oft ist die passende Vitaminform wichtiger als eine möglichst hohe Dosierung.

Fazit

B-Vitamine gehören zu den bedeutendsten Cofaktoren des tierischen Stoffwechsels. Ihre Wirkung wird jedoch nicht allein durch die Menge bestimmt, sondern auch durch ihre chemische Form und die individuellen Stoffwechselvoraussetzungen des jeweiligen Tieres.

Gerade die funktionelle Tiermedizin und die Epigenetik zeigen, dass es keine allgemeingültige Empfehlung für die „beste“ Vitaminform gibt. Vielmehr sollte jede Supplementierung individuell betrachtet und an die Bedürfnisse des einzelnen Tieres angepasst werden.

Mit zunehmender Forschung wird sich unser Verständnis dieser komplexen Zusammenhänge weiter vertiefen – zum Wohl unserer tierischen Patienten und einer wirklich personalisierten Tiermedizin.

 

Übersicht der B-Vitamine in der integrativen Tiermedizin

Vitamin Vitaminform Aktiv/Vorstufe Hauptaufgaben Besonders geeignet bei Vorsicht bzw. Hinweise
B1 (Thiamin) Thiaminhydrochlorid Vorstufe Kohlenhydratstoffwechsel, Nerven, Herz Allgemeine Supplementierung Gute Standardform
Benfotiamin Vorstufe (fettlöslich) Hohe Bioverfügbarkeit, Nervenschutz Neurologische Erkrankungen, Diabetes, ältere Tiere Gute Gewebeaufnahme
Thiaminpyrophosphat (TPP) Aktiv Sofort verfügbar für Enzyme Mitochondriale Störungen, Aktivierungsprobleme Höherer Preis
B2 (Riboflavin) Riboflavin Vorstufe Energiegewinnung, Haut, Augen Standardversorgung Muss aktiviert werden
Riboflavin-5-Phosphat Aktiv Cofaktor zahlreicher Enzyme Eingeschränkte Aktivierung Bereits phosphoryliert
B3 (Niacin) Nicotinsäure Vorstufe NAD/NADP-Bildung Allgemeine Versorgung Kann Flush verursachen (beim Menschen)
Nicotinamid Vorstufe Zellstoffwechsel Meist besser verträglich Kein Flush
NADH Aktiv Mitochondrien, ATP-Bildung Erschöpfung, Leistungsschwäche Hochpreisig
B5 (Pantothensäure) Calcium-Pantothenat Vorstufe Coenzym A, Nebennieren, Fettstoffwechsel Standardversorgung Sehr gut verträglich
Pantethin Zwischenstufe Lipidstoffwechsel, Mitochondrien Stoffwechselbelastungen In der Tiermedizin noch wenig eingesetzt
B6 Pyridoxin-HCl Vorstufe Aminosäurestoffwechsel Standardversorgung Muss aktiviert werden
Pyridoxal Zwischenstufe Enzymreaktionen Individuelle Anwendung Selten eingesetzt
Pyridoxamin Zwischenstufe Protein- und Zuckerstoffwechsel Forschungsbereich Kaum erhältlich
Pyridoxal-5-Phosphat (P5P) Aktiv Neurotransmitter, Histaminabbau, Enzyme Aktivierungsstörungen Bereits phosphoryliert; individuelle Verträglichkeit beachten
B7 (Biotin) Biotin Aktiv Haut, Fell, Krallen, Hufe Dermatologie Sehr sicher
B9 (Folat) Folsäure Vorstufe Zellteilung Standardversorgung Muss mehrfach aktiviert werden
Calciumfolinat Teilaktiv DNA-Synthese Aktivierungsstörungen Gut bioverfügbar
5-MTHF (L-Methylfolat) Aktiv Methylierung Eingeschränkter Folatstoffwechsel Liefert direkt Methylgruppen
B12 Cyanocobalamin Vorstufe Blutbildung Standardversorgung Muss umgewandelt werden
Hydroxocobalamin Natürliche Form Depotwirkung Langfristige Versorgung Häufig sehr gut verträglich
Methylcobalamin Aktiv Nervensystem, Methylierung Neurologie Liefert Methylgruppen
Adenosylcobalamin Aktiv Mitochondrien Energiestoffwechsel Besonders bei mitochondrialen Fragestellungen

 

 

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