Arthrose beim Tier – wirklich unheilbar?
Was moderne Tiermedizin, regenerative Verfahren und ganzheitliche Therapie heute möglich machen
Wichtiger Hinweis vorweg:
Dieser Beitrag stellt ausdrücklich kein Heilversprechen dar. Kein seriöser Therapeut kann vorhersagen, wie ein individueller Organismus auf eine bestimmte Behandlung reagiert. Alter, Ursache und Stadium der Arthrose, Stoffwechsellage, Begleiterkrankungen, Ernährung, Bewegungsmuster und viele weitere Faktoren beeinflussen den Therapieerfolg.
Dennoch lohnt es sich, die häufig wiederholte Aussage „Arthrose ist unheilbar, da kann man nichts machen“ einmal genauer zu betrachten.
Denn ganz so einfach ist die Sache heute nicht mehr.
Was ist Arthrose eigentlich?
Arthrose wird häufig als reine „Abnutzung des Gelenkknorpels“ beschrieben. Diese Vorstellung ist mittlerweile zu kurz gegriffen.
Das Gelenk ist ein komplexes biologisches System aus Gelenkknorpel, subchondralem Knochen, Gelenkkapsel, Synovialmembran und Synovialflüssigkeit, Bändern, Sehnen, Muskulatur und dem umgebenden Bindegewebe.
Bei einer Arthrose verändert sich dieses gesamte System.
Es kann zu Knorpeldegeneration, Veränderungen des darunterliegenden Knochens, Entzündungsprozessen der Synovialmembran, Veränderungen der Gelenkflüssigkeit, Kapselverdickungen, eingeschränkter Beweglichkeit und schließlich zu kompensatorischen Veränderungen der Muskulatur und des gesamten Bewegungsapparates kommen.
Und genau deshalb reicht es in meinen Augen nicht aus, bei Arthrose ausschließlich auf das Röntgenbild zu schauen.
Wir müssen das ganze Tier und seine Bewegung betrachten.
Ist Arthrose nun heilbar oder nicht?
Hier beginnt die eigentliche Diskussion.
Bei einer fortgeschrittenen Arthrose mit massiven strukturellen Veränderungen lässt sich ein Gelenk nicht einfach in seinen ursprünglichen Zustand „zurückzaubern“.
Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass grundsätzlich keine Regeneration möglich sei, ist ebenfalls zu pauschal.
Die Forschung beschäftigt sich mittlerweile intensiv mit Chondrozyten, Stammzellen, Wachstumsfaktoren, PRP, biologischen Signalwegen und der Frage, unter welchen Bedingungen Knorpelgewebe regenerative Prozesse entwickeln kann.
Entscheidend ist deshalb die Frage:
Was verstehen wir unter Heilung?
Wenn damit gemeint ist, dass ein hochgradig zerstörtes Gelenk wieder exakt so aussieht wie im jungen, gesunden Zustand, ist das derzeit in der Regel nicht realistisch.
Wenn wir aber darunter verstehen, dass Schmerzen deutlich zurückgehen, Entzündungsprozesse reduziert werden, Beweglichkeit und Belastbarkeit zurückkehren, Muskulatur aufgebaut wird und möglicherweise sogar regenerative Prozesse im Gelenk unterstützt werden können, sieht die Situation wesentlich interessanter aus.
Das Ziel moderner Arthrosetherapie sollte deshalb nicht lauten:
„Der Knorpel ist kaputt – damit müssen wir leben.“
Sondern:
Welche Voraussetzungen braucht dieses Gelenk, damit es möglichst gut funktionieren und sein vorhandenes Regenerationspotenzial nutzen kann?
Bewegung ist Therapie
Einer der größten Fehler bei Arthrose ist häufig eine übermäßige Schonung.
Knorpel besitzt keine eigene Blutversorgung wie beispielsweise ein Muskel. Seine Versorgung ist unter anderem auf den Wechsel von Belastung und Entlastung angewiesen.
Bewegung unterstützt außerdem die Muskulatur, Gelenkstabilität, Koordination und Propriozeption.
Internationale Empfehlungen zur Arthrosebehandlung beim Hund betrachten deshalb angepasste Bewegung und Rehabilitation/Physiotherapie als wesentliche Bestandteile eines multimodalen Arthrosemanagements.
Dabei bedeutet Bewegung nicht:
„Der Hund muss jetzt möglichst viele Kilometer laufen.“
Oder:
„Das Pferd muss einfach mehr bewegt werden.“
Entscheidend ist die richtige Belastung zum richtigen Zeitpunkt.
Geeignet sein können beispielsweise kontrolliertes Gehtraining, gezielter Muskelaufbau, Gleichgewichts- und Koordinationsübungen, Cavalettiarbeit, kontrolliertes Bergaufgehen, Übungen auf unterschiedlichen Untergründen und – abhängig vom Tier – Training im Wasser oder Unterwasserlaufband.
Zu wenig Belastung führt zum Muskelabbau.
Zu viel oder falsch dosierte Belastung kann das Gelenk zusätzlich reizen.
Die Kunst liegt dazwischen.
Physiotherapie – weit mehr als Massage
Eine gute physiotherapeutische Behandlung betrachtet nicht nur das arthrotische Gelenk.
Denn Tiere kompensieren.
Ein Hund mit Arthrose im rechten Hüftgelenk verändert möglicherweise seine Beckenbewegung, belastet die gegenüberliegende Hintergliedmaße stärker, verändert seine Wirbelsäulenbeweglichkeit und verlagert Gewicht auf die Vorderhand.
Das ursprüngliche Gelenkproblem kann dadurch irgendwann ein Ganzkörperproblem werden.
Physiotherapie kann deshalb unter anderem eingesetzt werden, um Beweglichkeit zu erhalten oder zu verbessern, Muskulatur gezielt aufzubauen, Schonhaltungen zu reduzieren, Koordination zu verbessern und physiologischere Bewegungsabläufe wieder anzubahnen.
Osteopathie
Gerade bei chronischen Gelenkerkrankungen lohnt sich der Blick über das betroffene Gelenk hinaus.
Ein arthrotisches Hüftgelenk kann beispielsweise Auswirkungen auf Becken, Iliosakralgelenk, Lendenwirbelsäule, Faszienzüge und die Belastung der übrigen Gliedmaßen haben.
Osteopathische Behandlung kann funktionelle Bewegungseinschränkungen im gesamten Körper berücksichtigen.
Sie „heilt“ dabei nicht einfach den zerstörten Gelenkknorpel.
Aber sie kann dazu beitragen, dass der Organismus mit dem vorhandenen Gelenk wieder ökonomischer arbeitet.
Und das kann einen enormen Unterschied machen.
Chiropraktik und manuelle Gelenktherapie
Auch chiropraktische und andere manuelle Techniken können Teil eines multimodalen Konzeptes sein.
Dabei sollte selbstverständlich niemals aggressiv in ein akut entzündetes oder hochgradig verändertes Gelenk gearbeitet werden.
Das Ziel liegt vielmehr darin, funktionelle Bewegungseinschränkungen benachbarter Bereiche zu erkennen und die Gesamtmechanik zu verbessern.
Denn ein Gelenk arbeitet niemals alleine.
Gewicht – ein häufig unterschätzter Faktor
Besonders bei Hund und Katze spielt das Körpergewicht eine enorme Rolle.
Jedes überflüssige Kilogramm erhöht die mechanische Belastung der Gelenke. Gleichzeitig ist Fettgewebe metabolisch aktiv und kann über verschiedene Botenstoffe entzündliche Prozesse beeinflussen.
Bei übergewichtigen Tieren gehört deshalb eine vorsichtige Gewichtsnormalisierung zu den wichtigsten Maßnahmen des Arthrosemanagements.
Das klingt unspektakulär.
Therapeutisch kann es jedoch enorm wirksam sein.
Ernährung und Orthomolekularmedizin
Auch die Ernährung verdient einen festen Platz im Arthrosekonzept.
Besonders gut untersucht sind beim Hund die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Internationale Arthroseempfehlungen priorisieren Omega-3-Fettsäuren sogar gegenüber vielen anderen Nutraceuticals.
Daneben werden in der Praxis unter anderem eingesetzt:
- Glucosamin
- Chondroitinsulfat
- Grünlippmuschel
- Kollagenhydrolysat
- undenaturiertes Kollagen Typ II (UC-II)
- MSM
- Hyaluronsäure
- Omega-3-Fettsäuren
- Antioxidantien
Allerdings sollte man auch hier nicht nach dem Motto handeln:
„Viel hilft viel.“
Nahrungsergänzung sollte individuell ausgewählt und an Tierart, Gewicht, Ernährung, Erkrankungen und eventuell vorhandene Medikamente angepasst werden.
Pflanzenheilkunde
Auch die Phytotherapie bietet interessante Möglichkeiten zur Begleitung arthrotischer Tiere.
Traditionell eingesetzt werden beispielsweise:
Teufelskralle
Sie wird insbesondere bei chronischen Beschwerden des Bewegungsapparates eingesetzt.
Weihrauch (Boswellia)
Boswelliasäuren werden wegen ihrer entzündungsmodulierenden Eigenschaften untersucht und eingesetzt.
Kurkuma/Curcumin
Curcumin besitzt interessante entzündungsmodulierende Eigenschaften, wobei Bioverfügbarkeit und geeignete Zubereitung eine wesentliche Rolle spielen.
Hagebutte
Auch Hagebuttenpräparate werden unterstützend bei Gelenkbeschwerden verwendet.
Brennnessel
Sie besitzt eine lange Tradition in der Pflanzenheilkunde bei Beschwerden des Bewegungsapparates.
Aber auch pflanzlich bedeutet nicht automatisch harmlos.
Tierart, Dosierung, Begleiterkrankungen und mögliche Wechselwirkungen müssen berücksichtigt werden. Besonders bei Katzen dürfen Präparate nicht einfach vom Hund übernommen werden.
Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin
In der TCM wird Arthrose nicht ausschließlich als lokaler Gelenkverschleiß betrachtet.
Je nach Tier können unterschiedliche Muster im Vordergrund stehen – beispielsweise Bi-Syndrome, Kälte, Feuchtigkeit, Stagnation von Qi und Blut oder zugrunde liegende energetische Schwächezustände.
Die Auswahl der Akupunkturpunkte richtet sich deshalb idealerweise nicht nur nach dem betroffenen Gelenk, sondern nach dem gesamten Befund des Tieres.
Akupunktur kann besonders im multimodalen Konzept zur Schmerzmodulation, Regulation von Muskelspannung und Unterstützung der Beweglichkeit eingesetzt werden.
Lasertherapie und Photobiomodulation
Low-Level-Laser beziehungsweise Photobiomodulation werden mittlerweile auch in der Tierrehabilitation eingesetzt.
Licht bestimmter Wellenlängen beeinflusst biologische Prozesse im Gewebe. Untersucht werden unter anderem Effekte auf Entzündungsmediatoren, Zellstoffwechsel, Mikrozirkulation und Schmerzverarbeitung.
Auch hier gilt:
Der Laser ist kein Zauberstab.
Aber er kann ein sinnvoller Baustein eines umfassenden Behandlungskonzeptes sein.
Regenerative Medizin: PRP
Besonders spannend wird die aktuelle Entwicklung bei den sogenannten Orthobiologika.
Bei PRP – Platelet Rich Plasma – wird körpereigenes Blut aufbereitet, sodass ein Plasma mit erhöhter Konzentration an Thrombozyten gewonnen wird.
Diese Thrombozyten enthalten zahlreiche Wachstumsfaktoren und biologisch aktive Substanzen.
PRP wird inzwischen auch in der Veterinärmedizin bei Arthrose und verschiedenen orthopädischen Erkrankungen untersucht und eingesetzt.
Die wissenschaftliche Literatur zeigt interessante Ergebnisse, allerdings unterscheiden sich Aufbereitungsmethoden und Studien teilweise erheblich.
Deshalb gilt auch hier:
Vielversprechend – ja. Universelle Heilung – nein.
Stammzelltherapie
Noch einen Schritt weiter geht die regenerative Medizin mit Stamm- beziehungsweise mesenchymalen Stromazellen.
Das Ziel besteht nicht einfach darin, „neuen Knorpel hineinzuspritzen“.
Vielmehr können diese Zellen über verschiedene Signalstoffe das lokale Milieu beeinflussen und entzündungsmodulierende sowie regenerative Prozesse unterstützen.
Gerade dieser Bereich wird intensiv erforscht.
Für die Tiermedizin eröffnet sich hier ein ausgesprochen interessantes Feld, gleichzeitig benötigen wir weiterhin hochwertige Langzeitstudien.
Hyaluronsäure und intraartikuläre Therapien
Hyaluronsäure ist natürlicherweise Bestandteil der Synovialflüssigkeit und trägt wesentlich zu deren viskoelastischen Eigenschaften bei.
Intraartikuläre Hyaluronsäurepräparate werden insbesondere beim Pferd seit Langem eingesetzt und kommen auch in anderen Bereichen der Veterinärorthopädie zum Einsatz.
Je nach Befund können weitere intraartikuläre beziehungsweise regenerative Verfahren erwogen werden.
Solche Behandlungen gehören selbstverständlich in tierärztliche Hände.
Schmerztherapie gehört ebenfalls dazu
Ganzheitliche Medizin bedeutet nicht, konventionelle Schmerztherapie grundsätzlich abzulehnen.
Ein Tier mit starken Schmerzen bewegt sich weniger.
Weniger Bewegung führt zu Muskelabbau.
Muskelabbau reduziert die Gelenkstabilität.
Dadurch kann Bewegung noch unangenehmer werden.
Es entsteht ein Kreislauf aus:
Schmerz → Schonung → Muskelabbau → Instabilität → Fehlbelastung → noch mehr Schmerz.
Eine angemessene tierärztliche Schmerztherapie kann deshalb manchmal überhaupt erst die Voraussetzung dafür schaffen, dass Physiotherapie und Bewegungstraining möglich werden.
Das Entscheidende: Arthrose braucht ein Konzept
Vielleicht liegt genau hier das größte Problem vieler Diskussionen.
Es wird nach dem einen Mittel gegen Arthrose gesucht.
Nach der einen Tablette.
Dem einen Supplement.
Der einen Spritze.
Der einen Therapie.
Doch Arthrose ist eine Erkrankung des gesamten Gelenks und beeinflusst langfristig häufig den gesamten Bewegungsapparat.
Deshalb erscheint ein multimodaler Ansatz am sinnvollsten.
Ein individuelles Konzept kann beispielsweise bestehen aus:
Diagnostik + Schmerzmanagement + Gewichtsoptimierung + angepasster Ernährung + gezieltem Bewegungstraining + Physiotherapie + manueller Therapie/Osteopathie + ausgewählten Nahrungsergänzungen + gegebenenfalls Phytotherapie/Akupunktur/Laser + bei geeigneter Indikation regenerativen Verfahren.
Nicht jedes Tier braucht alles.
Und genau darin liegt die Kunst.
Früh beginnen statt warten
Einer der wichtigsten Punkte wird häufig vergessen:
Man sollte nicht erst dann handeln, wenn ein Tier kaum noch aufstehen kann.
Je früher Fehlbelastungen, Muskelabbau und Bewegungseinschränkungen erkannt werden, desto mehr therapeutische Möglichkeiten stehen zur Verfügung.
Das gilt besonders für Tiere mit bekannten Risikofaktoren wie Hüft- oder Ellbogendysplasie, Gelenkverletzungen, Fehlstellungen, Kreuzbandproblemen, Übergewicht oder hoher sportlicher Belastung.
Arthrosemanagement beginnt deshalb idealerweise lange bevor das Gelenk hochgradig verändert ist.
Fazit: Ist Arthrose heilbar?
Vielleicht sollten wir diese Frage anders stellen.
Nicht:
„Ist Arthrose heilbar – ja oder nein?“
Sondern:
„Wie viel Regeneration, Funktionsverbesserung und Lebensqualität können wir bei diesem individuellen Tier erreichen?“
Die moderne Forschung zeigt zunehmend, dass Knorpel und Gelenkbiologie wesentlich dynamischer sind, als früher angenommen wurde. Regenerative Medizin beschäftigt sich inzwischen gezielt mit biologischen Mechanismen, die Entzündungsprozesse reduzieren und Regeneration fördern könnten.
Gleichzeitig wäre es unseriös, daraus ein allgemeines Heilversprechen abzuleiten.
Zwischen den Aussagen
„Arthrose ist unheilbar, da kann man nichts machen“
und
„Arthrose können wir heilen“
liegt ein riesiges therapeutisches Feld.
Und genau dort sollten wir arbeiten.
Mit Bewegung.
Mit Muskulatur.
Mit Ernährung.
Mit Physiotherapie.
Mit manuellen und komplementären Verfahren.
Mit moderner Schmerzmedizin.
Und – wo sinnvoll – mit regenerativer Medizin.
Denn am Ende behandeln wir kein Röntgenbild.
Wir behandeln ein Tier.
Und manchmal kann dieses Tier mit einem arthrotisch veränderten Gelenk wieder erstaunlich viel Lebensfreude, Beweglichkeit und Lebensqualität zurückgewinnen.