Artemisia annua in der Tierheilkunde – eine alte Heilpflanze mit neuem wissenschaftlichem Interesse

Vom traditionellen Heilmittel zum Gegenstand moderner Forschung

Artemisia annua, der Einjährige Beifuß, ist eine Heilpflanze, die ursprünglich vor allem aus der Traditionellen Chinesischen Medizin bekannt ist. Weltweite Aufmerksamkeit erhielt sie durch ihren Inhaltsstoff Artemisinin, der eine entscheidende Rolle in der Behandlung der Malaria spielt.

Inzwischen beschäftigt sich die Forschung jedoch längst nicht mehr ausschließlich mit der Wirkung gegen Malariaerreger. Artemisia annua und insbesondere Artemisinin sowie daraus entwickelte Substanzen wie Artesunat oder Dihydroartemisinin werden hinsichtlich ganz unterschiedlicher biologischer Wirkungen untersucht.

Dazu gehören unter anderem:

Auch in der Tiermedizin wächst deshalb das Interesse an Artemisia annua. Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Tiergesundheit beschreibt insbesondere antitumorale, antiparasitäre, antimikrobielle und immunmodulierende Wirkungen als interessante Forschungsfelder.

Wichtig ist dabei jedoch eine klare Unterscheidung: Ergebnisse aus Zellkulturversuchen oder experimentellen Tiermodellen bedeuten noch nicht automatisch, dass eine Erkrankung beim Hund, Pferd oder bei der Katze damit wirksam behandelt werden kann.

Artemisia annua und Krebs – warum interessiert sich die Forschung dafür?

Besonders spannend ist die Forschung zu Artemisinin im Zusammenhang mit Tumorzellen.

Artemisinin besitzt eine sogenannte Endoperoxidbrücke. Diese chemische Struktur kann unter anderem mit Eisen reagieren und dabei hochreaktive Moleküle entstehen lassen. Genau dieser Mechanismus wird als eine mögliche Erklärung für die Wirkung auf bestimmte Tumorzellen diskutiert.

Viele Tumorzellen besitzen einen erhöhten Eisenbedarf. Schnell proliferierende Zellen benötigen Eisen unter anderem für Stoffwechsel und DNA-Synthese und können deshalb beispielsweise vermehrt Transferrinrezeptoren exprimieren.

Vereinfacht dargestellt lautet eine der wissenschaftlichen Hypothesen:

Tumorzelle mit erhöhtem Eisenstoffwechsel → Reaktion mit Artemisinin → oxidativer Stress → Schädigung der Tumorzelle

Darüber hinaus werden weitere Mechanismen untersucht, darunter Einflüsse auf Zellzyklus, Apoptose, Angiogenese und verschiedene intrazelluläre Signalwege.

Ein besonders interessantes Forschungsgebiet ist die Ferroptose. Dabei handelt es sich um eine eisenabhängige Form des regulierten Zelltodes, bei der unter anderem eine starke Lipidperoxidation auftritt.

Gerade hier zeigen neuere Untersuchungen an kaninen Osteosarkomzellen interessante Ergebnisse.

Artemisia annua beim Hund

Für den Hund existieren bereits einige veterinärmedizinische Untersuchungen.

In Zellkulturversuchen wurden Artemisia-annua-Extrakte beispielsweise an kaninen Osteosarkomzellen untersucht. Dabei zeigte sich eine dosisabhängige zytotoxische Wirkung. In einer Untersuchung fanden die Wissenschaftler zudem Hinweise darauf, dass Eisenstoffwechsel, Lipidperoxidation und möglicherweise Ferroptose an der Wirkung beteiligt sein könnten.

Das ist insbesondere deshalb interessant, weil das Osteosarkom beim Hund ein hochaggressiver Tumor ist und deshalb intensiv nach ergänzenden therapeutischen Möglichkeiten gesucht wird.

Es gibt darüber hinaus klinische Daten zu Artemisinin-Derivaten. In einer Studie erhielten 23 Hunde mit nicht resezierbaren Tumoren Artesunat. Bei einem Hund wurde eine länger anhaltende komplette Remission beschrieben, bei weiteren sieben eine vorübergehende Stabilisierung der Erkrankung.

Allerdings traten auch Nebenwirkungen auf. Dazu gehörten unter anderem vorübergehende gastrointestinale und hämatologische Veränderungen sowie Fieber.

Das zeigt sehr schön beide Seiten der Medaille:

Artemisinin ist ein pharmakologisch hochinteressanter Naturstoff – aber „pflanzlich“ bedeutet keineswegs automatisch harmlos.

Untersuchungen bei Hunden und Katzen

Besonders interessant für die Tiermedizin ist eine retrospektive Untersuchung von Hunden und Katzen mit spontan entstandenen Tumorerkrankungen.

20 Tiere erhielten zusätzlich zur konventionellen Behandlung ein kommerzielles Artemisia-annua-Präparat. Die Ergebnisse wurden mit einer kleineren Kontrollgruppe verglichen, die lediglich die Standardtherapie erhalten hatte.

In der Artemisia-Gruppe überlebte eine statistisch höhere Zahl der Tiere länger als 18 Monate.

Die Autoren selbst weisen allerdings darauf hin, dass diese Ergebnisse in größeren, prospektiven Studien bestätigt werden müssen.

Eine weitere Publikation berichtete über Tiere mit Sarkomen, bei denen Artemisia annua ergänzend zur chirurgischen beziehungsweise konventionellen Therapie eingesetzt wurde. Unter anderem wurden längere rezidivfreie Verläufe bei einem Hund und einer Katze mit Fibrosarkom beschrieben.

Das sind interessante Beobachtungen – aber keine ausreichende Grundlage, Artemisia annua als alleinige Krebstherapie zu betrachten.

Ergänzend bedeutet nicht alternativ

Gerade bei Tumorerkrankungen ist diese Unterscheidung enorm wichtig.

Eine mögliche phytotherapeutische Begleitung darf nicht dazu führen, notwendige Diagnostik oder etablierte Behandlungsmöglichkeiten wie Operation, Chemotherapie, Bestrahlung oder moderne onkologische Therapieverfahren vorschnell zu ersetzen.

Viel interessanter ist die Frage:

Wo könnte Artemisia annua sinnvoll Bestandteil eines integrativen Behandlungskonzeptes sein?

Genau hier sollte integrative Tiermedizin ansetzen: nicht „Schulmedizin oder Naturheilkunde“, sondern individuell prüfen, welche Verfahren sinnvoll miteinander kombiniert werden können.

Artemisia annua und Autoimmunerkrankungen

Ein weiteres interessantes Forschungsgebiet sind entzündliche und autoimmune Erkrankungen.

Artemisinin und verschiedene Artemisinin-Derivate zeigen in experimentellen Untersuchungen immunmodulierende Eigenschaften. Untersucht werden beispielsweise Einflüsse auf:

Gerade das Gleichgewicht zwischen Th17-Zellen und regulatorischen T-Zellen (Treg) spielt bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen eine wichtige Rolle.

In experimentellen Modellen werden Artemisinin-Derivate unter anderem bei rheumatoider Arthritis, systemischem Lupus erythematodes, entzündlichen Darmerkrankungen und anderen immunvermittelten Erkrankungen untersucht.

Für die Tiermedizin muss man hier allerdings besonders vorsichtig formulieren: Ein großer Teil dieser Forschung stammt aus Zellkultur, experimentellen Tiermodellen oder der Humanmedizin. Daraus lässt sich bislang keine allgemein anerkannte Artemisia-Therapie für autoimmune Erkrankungen bei Hund, Katze oder Pferd ableiten.

Die Forschung liefert vielmehr interessante Hinweise auf mögliche immunmodulierende Mechanismen.

Antiparasitäre Wirkung – die ursprüngliche Stärke von Artemisia

Die wohl bekannteste Wirkung von Artemisinin richtet sich gegen Parasiten.

Artemisinin wurde ursprünglich aufgrund seiner hervorragenden Wirkung gegen Plasmodien, die Erreger der Malaria, weltberühmt. Darüber hinaus werden Artemisia annua und verschiedene Inhaltsstoffe inzwischen auch hinsichtlich weiterer Parasiten untersucht.

Für die Tiermedizin ist das grundsätzlich interessant, beispielsweise im Hinblick auf Protozoen und verschiedene Endoparasiten.

Gerade hier gilt jedoch ebenfalls: Nicht jeder experimentell nachgewiesene antiparasitäre Effekt bedeutet, dass Artemisia annua eine etablierte antiparasitäre Therapie oder notwendige Entwurmungsstrategie ersetzen kann.

Weitere interessante Forschungsgebiete

Neben Tumorerkrankungen, Parasiten und Autoimmunerkrankungen wird Artemisia annua hinsichtlich zahlreicher weiterer biologischer Eigenschaften untersucht.

Dazu gehören insbesondere:

Chronische Entzündungsprozesse:
Artemisinin-Derivate können verschiedene entzündungsfördernde Signalwege beeinflussen und werden deshalb als mögliche antiinflammatorische Wirkstoffe untersucht.

Oxidativer Stress:
Interessanterweise können Artemisinin-Verbindungen je nach biologischem Kontext unterschiedliche Effekte auf Redoxprozesse besitzen. Gerade in Tumorzellen kann die gezielte Erzeugung oxidativen Stresses Teil der gewünschten Wirkung sein.

Infektionen:
Für verschiedene Bestandteile der Pflanze werden antimikrobielle und antivirale Eigenschaften beschrieben. Die klinische Bedeutung für Hund, Katze und Pferd ist jedoch bei vielen dieser Anwendungen noch nicht ausreichend untersucht.

Fibrotische Prozesse:
Für einzelne Artemisinin-Derivate werden außerdem antifibrotische Mechanismen erforscht.

Damit wird deutlich: Artemisia annua ist pharmakologisch wesentlich komplexer, als die Bezeichnung „Heilpflanze“ zunächst vermuten lässt.

Artemisia annua ist nicht gleich Artemisinin

Dieser Punkt wird in der Praxis häufig übersehen.

Artemisia annua enthält zahlreiche Pflanzenstoffe.
Artemisinin ist lediglich einer ihrer pharmakologisch besonders interessanten Inhaltsstoffe.

Ein Pflanzenpulver, Tee, Extrakt und standardisiertes Artemisia-Präparat können daher völlig unterschiedliche Konzentrationen an Artemisinin und anderen Inhaltsstoffen besitzen.

Auch Artemisinin selbst ist nicht identisch mit seinen pharmazeutischen Derivaten wie:

Studien mit Artesunat können deshalb nicht einfach auf Artemisia-annua-Pulver übertragen werden.

Für eine therapeutische Anwendung ist die Standardisierung eines Präparates von großer Bedeutung. Auch eine aktuelle veterinärmedizinische Übersichtsarbeit weist ausdrücklich darauf hin, dass eine zuverlässige Standardisierung der Inhaltsstoffe notwendig ist.

Und was ist mit Eisen?

Im Zusammenhang mit Artemisinin und Krebs stößt man häufig auf die Empfehlung, zusätzlich Eisen zu verabreichen.

Der Gedanke dahinter beruht auf dem eisenabhängigen Wirkmechanismus von Artemisinin und auf dem teilweise erhöhten Eisenstoffwechsel von Tumorzellen.

Daraus sollte jedoch keine pauschale Empfehlung zur Eisengabe abgeleitet werden.

Der Eisenstoffwechsel ist komplex. Sowohl Eisenmangel als auch Eisenüberschuss können problematisch sein, und Tumorerkrankungen können den Eisenstoffwechsel zusätzlich verändern.

Eine Eisensupplementierung sollte deshalb nicht nach dem Motto „Artemisia braucht Eisen“ erfolgen, sondern nur nach individueller Beurteilung des Patienten und entsprechender Diagnostik.

Was bedeutet das für Pferd, Hund und Katze?

Die Datenlage ist zwischen den Tierarten sehr unterschiedlich.

Beim Hund existieren inzwischen interessante Zellkulturuntersuchungen und erste klinische beziehungsweise retrospektive Daten, insbesondere aus der Tumorforschung.

Bei der Katze gibt es einzelne klinische Fallberichte und Katzen waren auch in retrospektiven Untersuchungen zu spontanen Tumoren vertreten. Die Datenbasis ist jedoch deutlich kleiner.

Beim Pferd ist Artemisia annua vor allem aufgrund seiner antiparasitären und weiteren pharmakologischen Eigenschaften interessant. Für eine Krebstherapie beim Pferd fehlen bislang vergleichbare klinische Daten, wie sie zumindest in begrenztem Umfang für Hunde und Katzen vorliegen.

Deshalb sollte auch die Dosierung niemals einfach von einer Tierart auf eine andere übertragen werden.

Wirkmechanismen zu verstehen und für jeden Patienten individuell zu entscheiden, was sinnvoll und verantwortbar ist.

Quellen und weiterführende Literatur

Breuer E, Efferth T. (2014):
Treatment of Iron-Loaded Veterinary Sarcoma by Artemisia annua. Natural Products and Bioprospecting, 4(2), 113–118.
PMID: 24859473.

Efferth T. et al. (2019):
Retrospective study of small pet tumors treated with Artemisia annua and iron. International Journal of Oncology.
PMID: 31789393.

Rutteman GR et al. (2013):
Safety and efficacy field study of artesunate for dogs with non-resectable tumours. Anticancer Research, 33(5), 1819–1827.
PMID: 23645726.

Salaroli R et al. (2022):
Anticancer activity of an Artemisia annua L. hydroalcoholic extract on canine osteosarcoma cell lines. Research in Veterinary Science, 152, 476–484.
PMID: 36156377.

Isani G et al. (2019):
Cytotoxic Effects of Artemisia annua L. and Pure Artemisinin on the D-17 Canine Osteosarcoma Cell Line.
PMID: 31354901.

Tong X et al. (2022):
Artemisinin derivative SM934 in the treatment of autoimmune and inflammatory diseases: therapeutic effects and molecular mechanisms. Acta Pharmacologica Sinica, 43, 3055–3061.

Aktuelle Übersichtsarbeit zur Tiergesundheit (2025):
The Beneficial Use of Artemisia annua, Artemisinin, and Other Compounds in Animal Health.
PMID: 40427237.

 

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