Ataxie beim Pferd – ganzheitliche Unterstützung, Therapie und gezieltes Training
Die Diagnose Ataxie ist für viele Pferdebesitzer zunächst ein Schock. Schnell entsteht die Vorstellung, dass ein betroffenes Pferd nicht mehr gearbeitet werden kann und möglicherweise dauerhaft stark eingeschränkt bleibt.
Doch Ataxie ist nicht gleich Ataxie.
Während schwere neurologische Störungen tatsächlich erhebliche Einschränkungen verursachen können, gibt es auch Pferde mit leichteren oder stabilen neurologischen Defiziten, die über viele Jahre ein gutes und aktives Leben führen können. Manche können – abhängig von Ursache, neurologischem Befund und tierärztlicher Beurteilung – sogar wieder gearbeitet oder geritten werden.
Entscheidend ist ein individuell abgestimmtes Konzept aus Diagnostik, Physiotherapie, manueller Therapie, propriozeptivem Training, Muskelaufbau, Bewegungsmanagement, Fütterung und gegebenenfalls ergänzenden naturheilkundlichen Maßnahmen.
Was bedeutet Ataxie?
Ataxie ist keine eigenständige Erkrankung, sondern beschreibt eine Störung der Bewegungskoordination.
Betroffene Pferde können unter anderem Schwierigkeiten haben, die Position ihrer Gliedmaßen exakt wahrzunehmen und Bewegungen entsprechend zu koordinieren.
Mögliche Anzeichen sind:
• schwankender oder unsicherer Gang
• Stolpern
• Überkreuzen der Gliedmaßen
• Nachschleifen der Zehen
• verzögerte Korrektur einer ungewöhnlichen Gliedmaßenstellung
• Schwierigkeiten beim Rückwärtsrichten
• Probleme bei engen Wendungen
• unterschiedlich große Schritte
• mangelnde Balance
• Schwierigkeiten beim Bergauf- oder Bergabgehen
• Muskelabbau
• kompensatorische Muskelverspannungen
Die Ausprägung reicht von sehr subtilen Veränderungen bis zu schweren neurologischen Ausfällen.
Zuerst kommt die Diagnostik
Vor jeder Therapie sollte möglichst geklärt werden, warum das Pferd ataktisch läuft.
Neurologische Symptome können beispielsweise mit Veränderungen oder Verletzungen des Rückenmarks, Problemen im Bereich der Halswirbelsäule, entzündlichen oder infektiösen Erkrankungen, Traumata oder degenerativen Veränderungen zusammenhängen.
Eine bekannte Ursache ist die cervicale vertebrale stenotische Myelopathie (CVSM).
Deshalb sollte niemals einfach „gegen die Ataxie“ behandelt werden.
Die Ursache entscheidet wesentlich darüber, welche Maßnahmen sinnvoll und welche möglicherweise sogar kontraindiziert sind.
Physiotherapie – was kann konkret gemacht werden?
Bei vielen ataktischen Pferden ist die Physiotherapie ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation.
Dabei geht es nicht nur um Muskulatur.
Ein wesentlicher Schwerpunkt liegt auf Propriozeption, Gleichgewicht, Rumpfstabilität und neuromuskulärer Kontrolle.
Propriozeptives Training
Die Propriozeption beschreibt die Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des eigenen Körpers.
Geeignete Übungen können – abhängig vom Schweregrad – beispielsweise sein:
• langsames, kontrolliertes Führen im Schritt
• einzelne Bodenstangen
• Schrittstangen mit angepassten Abständen
• Stangenlabyrinthe
• große Bögen und Schlangenlinien
• vorsichtige Übergänge zwischen verschiedenen sicheren Untergründen
• wenige kontrollierte Schritte rückwärts
• kontrolliertes Bergaufgehen
• bewusstes Anhalten und erneutes Antreten
Dabei sollte immer nur so schwierig trainiert werden, dass das Pferd die Aufgabe noch kontrolliert bewältigen kann.
Gewichtsverlagerungen
Sehr kleine Gewichtsverlagerungen können helfen, die Haltemuskulatur anzusprechen.
Das Pferd kann beispielsweise durch sanften manuellen Druck dazu angeregt werden, sein Gewicht kontrolliert nach vorne, hinten oder seitlich zu verlagern und anschließend wieder seine stabile Ausgangsposition einzunehmen.
Hier geht es nicht darum, das Pferd aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Es soll lernen, kleine Gleichgewichtsveränderungen kontrolliert abzufangen.
Rumpfstabilisation
Ein stabiler Rumpf ist für ein Pferd mit Koordinationsproblemen besonders wichtig.
Je nach Pferd können beispielsweise eingesetzt werden:
• kontrollierte Bauchmuskelaktivierung
• sternale beziehungsweise thorakale Lift-Techniken
• Beckenaktivierung
• gezielte Aktivierung der tiefen Rückenmuskulatur
• korrekt ausgeführte Übergänge
• langsames Bergaufgehen
• geeignete Stangenarbeit
Dabei sollte immer auf eine ruhige, kontrollierte Bewegung geachtet werden.
Bewegungstraining – lieber Qualität als Kilometer
Bei neurologisch beeinträchtigten Pferden ist monotones „Kilometersammeln“ häufig weniger sinnvoll als gezieltes Training.
Schon 10 bis 20 Minuten qualitativ hochwertige Arbeit können – abhängig vom Pferd – anspruchsvoller sein als eine lange Trainingseinheit.
Besonders geeignet können sein:
ruhiges Schritttraining, große Linien, einzelne Stangen, vorsichtige Geländearbeit auf sicherem Boden, leichte Steigungen, kontrollierte Übergänge und später – sofern das Pferd dazu geeignet und tierärztlich freigegeben ist – weitere gymnastizierende Übungen.
Enge Wendungen, hektische Bewegungen und rutschige oder tiefe Böden sollten bei unsicheren Pferden vermieden werden.
Massage und myofasziale Therapie
Ataktische Pferde entwickeln häufig deutliche Kompensationsmuster.
Besonders belastet können unter anderem sein:
• lange Rückenmuskulatur
• Schultergürtel
• Brustmuskulatur
• Halsmuskulatur
• Glutealmuskulatur
• ischiocrurale Muskulatur
• Faszienstrukturen entlang des Rückens und der Hinterhand
Mögliche physiotherapeutische Maßnahmen sind beispielsweise:
• klassische Massage
• Streichungen und Knetungen
• Querfriktionen bei entsprechender Indikation
• myofasziale Release-Techniken
• Haut- und Faszienverschiebungen
• Triggerpunktbehandlung
• sanfte Dehnungen
• Behandlung kompensatorisch überlasteter Muskelgruppen
Das Ziel besteht darin, sekundäre Verspannungen zu reduzieren und dem Pferd möglichst freie Bewegungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen.
Mobilisation und manuelle Therapie
Je nach Befund können sanfte Gelenkmobilisationen eingesetzt werden.
Dabei können beispielsweise Schulter, Becken, Extremitätengelenke oder bestimmte Abschnitte der Wirbelsäule berücksichtigt werden.
Bei bekannten Veränderungen der Halswirbelsäule oder Rückenmarksproblemen ist allerdings besondere Vorsicht notwendig.
Neurologische Pferde gehören nicht in eine routinemäßige „Einrenkbehandlung“.
Vor allem Manipulationen der Halswirbelsäule sollten nur nach entsprechender Diagnostik und durch entsprechend qualifizierte Therapeuten durchgeführt werden.
Osteopathie
Osteopathisch können beispielsweise funktionelle Bewegungseinschränkungen des Bewegungsapparates, myofasziale Spannungsmuster sowie kompensatorische Veränderungen untersucht und behandelt werden.
Auch craniosacrale und sehr sanfte osteopathische Techniken können – abhängig vom individuellen Befund – ergänzend eingesetzt werden.
Das Ziel ist dabei nicht, die neurologische Erkrankung „wegzubehandeln“, sondern zusätzliche mechanische Belastungen möglichst gering zu halten.
Chiropraktik
Auch chiropraktische Behandlung kann bei ausgewählten Pferden eine Ergänzung darstellen.
Besonders wichtig ist bei einem neurologischen Pferd jedoch eine genaue Kenntnis der zugrunde liegenden Erkrankung.
Nicht jede Einschränkung der Wirbelsäule darf manipuliert werden.
Gerade bei Veränderungen im Bereich der Halswirbelsäule sollte vor einer chiropraktischen Behandlung eine entsprechende tierärztliche Diagnostik vorliegen.
TENS und Elektrotherapie
TENS kann beispielsweise bei begleitenden muskulären Schmerzen eingesetzt werden.
Je nach Verfahren kann Elektrotherapie außerdem zur neuromuskulären Stimulation beziehungsweise Unterstützung geschwächter Muskulatur verwendet werden.
Elektrodenposition, Intensität und Behandlungsdauer sollten dabei individuell festgelegt werden.
Stoßwellentherapie
Stoßwellentherapie behandelt nicht die Ataxie selbst.
Sie kann jedoch interessant werden, wenn das Pferd zusätzlich orthopädische oder bestimmte Weichteilprobleme entwickelt hat.
Gerade ataktische Pferde können durch ihre veränderte Bewegung einzelne Strukturen überlasten.
Liegt hierfür eine entsprechende Indikation vor, kann die Stoßwellentherapie deshalb Bestandteil eines größeren Rehabilitationskonzeptes sein.
Fütterung und Nahrungsergänzung
Bei neurologisch auffälligen Pferden sollte die gesamte Ration überprüft werden.
Dabei sollte man nicht wahllos möglichst viele Präparate geben.
Sinnvoll ist zunächst die Frage:
Was bekommt dieses Pferd tatsächlich über Heu, Weide und Mineralfutter – und wo besteht möglicherweise eine Unterversorgung?
Je nach Ration, Blutbefund und Erkrankung können beispielsweise folgende Nährstoffe interessant sein:
Vitamin E
Vitamin E besitzt eine wichtige Funktion als Antioxidans und ist für Muskulatur und Nervensystem relevant.
Besonders bei Pferden ohne ausreichenden Zugang zu frischem Weidegras sollte die Versorgung überprüft werden.
Bei neurologischen Symptomen sollte ein möglicher Mangel tierärztlich abgeklärt und die Supplementierung entsprechend angepasst werden.
B-Vitamine
B-Vitamine sind an zahlreichen Stoffwechselvorgängen beteiligt und spielen unter anderem für Energie- und Nervenzellstoffwechsel eine Rolle.
Je nach Fütterung, Erkrankung und Darmgesundheit kann eine gezielte Ergänzung diskutiert werden.
Magnesium
Magnesium ist unter anderem für Muskel- und Nervenfunktion wichtig.
Eine Ergänzung sollte jedoch nicht automatisch erfolgen, sondern zur Gesamtration passen.
Omega-3-Fettsäuren
Omega-3-Fettsäuren können beispielsweise über geeignete Quellen wie Leinprodukte beziehungsweise entsprechend zusammengesetzte Ergänzungsfuttermittel zugeführt werden.
Sie können Bestandteil einer insgesamt entzündungsmodulierend ausgerichteten Fütterung sein.
Hochwertige Aminosäuren
Für den Muskelaufbau benötigt das Pferd ausreichend hochwertiges Protein beziehungsweise essenzielle Aminosäuren.
Gerade bei Pferden mit Muskelabbau sollte deshalb nicht ausschließlich trainiert, sondern auch überprüft werden, ob die Ration überhaupt genügend Baustoff für neue Muskulatur liefert.
Spurenelemente
Auch Zink, Kupfer, Selen und weitere Spurenelemente sind für verschiedene Stoffwechselprozesse wichtig.
Hier gilt besonders:
Nicht auf Verdacht hoch dosieren.
Spurenelemente beeinflussen sich gegenseitig und können bei Überversorgung ebenfalls problematisch werden.
Phytotherapie
Auch Pflanzen können ergänzend eingesetzt werden, allerdings immer entsprechend der zugrunde liegenden Erkrankung.
Je nach Begleitproblem kommen beispielsweise Pflanzen mit entzündungsmodulierenden Eigenschaften oder Pflanzen zur Unterstützung des Bewegungsapparates infrage.
Häufig verwendet werden beispielsweise:
• Hagebutte
• Teufelskralle
• Weihrauch
• Brennnessel
Dabei müssen Dosierung, mögliche Wechselwirkungen, Begleiterkrankungen und – bei Sportpferden besonders wichtig – Doping- beziehungsweise Karenzbestimmungen berücksichtigt werden.
Homöopathische Begleitung
Auch Homöopathie wird in der komplementären Praxis teilweise begleitend eingesetzt.
Die Auswahl erfolgt traditionell nicht ausschließlich nach der Diagnose „Ataxie“, sondern anhand des individuellen Symptombildes.
In der homöopathischen Literatur werden bei neurologischen beziehungsweise koordinativen Symptomen beispielsweise Mittel wie Conium maculatum, Gelsemium, Plumbum metallicum oder Nux vomica beschrieben.
Ein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis über Placebo hinaus ist für die Homöopathie allerdings nicht belegt. Sie sollte deshalb nicht anstelle einer notwendigen neurologischen Diagnostik oder Behandlung eingesetzt werden.
Haltung ist ebenfalls Therapie
Ein Punkt wird häufig unterschätzt:
Die Umgebung des Pferdes gehört zur Rehabilitation.
Ein ataktisches Pferd benötigt möglichst:
• sicheren, rutschfesten Boden
• ausreichend Bewegungsraum
• keine unnötig engen Durchgänge
• gut erreichbare Futter- und Wasserstellen
• möglichst wenig Situationen, in denen es hektisch wenden muss
• passende Sozialpartner
• regelmäßige kontrollierte Bewegung
Auch die Hufbearbeitung spielt eine wichtige Rolle.
Lange Zehen, ungünstige Abrollpunkte oder starke Dysbalancen können einem Pferd, das ohnehin Schwierigkeiten mit der Gliedmaßenkoordination hat, das Leben zusätzlich erschweren.
Kann ein ataktisches Pferd wieder geritten werden?
Das hängt vollständig vom individuellen Befund ab.
Bei deutlicher Ataxie kann das Reiten ein erhebliches Risiko für Pferd und Reiter darstellen.
Es gibt jedoch auch mild betroffene und stabile Pferde, die durch konsequente Rehabilitation enorme Fortschritte machen können und nach entsprechender fachlicher Beurteilung wieder gearbeitet werden können.
Ich habe selbst eine Stute begleitet, die trotz ihrer Ataxie durch ein sehr konsequentes Trainings- und Therapiekonzept schließlich so stabil und leistungsfähig wurde, dass sie sogar auf einem Turnier vorgestellt werden konnte.
Das ist kein Versprechen für jedes Pferd.
Aber es zeigt, warum man ein Pferd nicht ausschließlich auf seine Diagnose reduzieren sollte.
Das Gesamtpaket entscheidet
Bei Ataxie gibt es selten die eine Therapie.
Häufig entsteht der größte Nutzen durch die Kombination verschiedener Maßnahmen:
Diagnostik → Physiotherapie → Propriozeption → Stabilisation → Muskelaufbau → Massage und Faszienarbeit → individuell geeignete manuelle Therapie → Bewegungsmanagement → Hufbearbeitung → angepasste Fütterung → bei Bedarf ergänzende physikalische und naturheilkundliche Maßnahmen.
Und vor allem:
Zeit, Geduld und regelmäßige Verlaufskontrolle.
Ein neurologisch beeinträchtigtes Pferd muss nicht perfekt laufen, um Lebensqualität zu besitzen.
Vielleicht kann es wieder geritten werden.
Vielleicht wird es ein wunderbares Bodenarbeits- oder Spazierpferd.
Vielleicht besteht der größte Erfolg darin, dass es sicher mit seiner Herde über die Weide laufen kann.
Was möglich ist, entscheidet nicht allein das Wort Ataxie auf einem Befund.
Entscheidend sind Ursache, Schweregrad, Verlauf – und das individuelle Pferd.
Nicht die Diagnose trainieren – sondern das Pferd.
Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Die dargestellten Möglichkeiten zur Begleitung und Rehabilitation von Pferden mit Ataxie beruhen sowohl auf allgemein zugänglichem veterinärmedizinischem und tierphysiotherapeutischem Fachwissen als auch auf langjährigen eigenen Erfahrungen aus der therapeutischen Praxis.
Einzelne beschriebene Verfahren und naturheilkundliche beziehungsweise komplementärmedizinische Maßnahmen beruhen teilweise auf Erfahrungswerten und sind hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bei Ataxie wissenschaftlich nicht oder nicht ausreichend untersucht. Positive Erfahrungen aus der Praxis stellen daher keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis dar und können nicht auf jedes Pferd übertragen werden.
Die genannten Maßnahmen und Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Trotz sorgfältiger Erstellung kann keine Gewähr für Vollständigkeit, Aktualität und Richtigkeit der Informationen übernommen werden.
Ataxie und andere neurologische Auffälligkeiten sollten grundsätzlich tierärztlich abgeklärt werden. Welche Therapie-, Trainings- oder Fütterungsmaßnahmen für ein einzelnes Pferd geeignet sind, muss anhand der Ursache, des neurologischen Befundes, möglicher Begleiterkrankungen und des individuellen Zustandes entschieden werden. Insbesondere die Frage der Reitbarkeit und Belastbarkeit sollte fachkundig und individuell beurteilt werden.